Leseprobe: IGEL-Team 34

Kurz nach Weihnachten werden die Kinderdetektive Ingo, Georg, Enzo und Lisa als Teil einer Werbeaktion in ein Hotel eingeladen. Sie nehmen dankend an und freuen sich auf schöne und unbeschwerte Winterferien. Doch weit gefehlt, denn bevor sie sich versehen, befinden sie sich inmitten eines neuen und aufregenden Abenteuers. Das Gebäude wird von einem Erdbeben erschüttert, das anscheinend nur im Hotel stattfindet. Selbstverständlich gehen die Kinderdetektive auf Spurensuche und versuchen, das Rätsel zu lösen.

Leseprobe

Ein wunderschöner Morgen
»Puff!« Lisa schreckte im Morgengrauen unsanft aus dem Schlaf. Was war das? Ihr Blick wanderte zum Fenster. War es windig und hatte sie vergessen, das Fenster zu schließen? Das konnte nicht sein, denn die pinkfarbene Gardine, die das Fenster bedeckte, bewegte sich nicht. »Puff!«, machte es erneut. Das Mädchen sprang aus dem Bett, ging zum Fenster und zog den Vorhang zurück. »Hurra«, rief sie erfreut, als sie sah, was geschehen war.
Dicke Schneeflocken fielen vom silbergrauen Morgenhimmel und hatten über Nacht die gesamte Landschaft bedeckt. Unten in der Einfahrt stand der schwarz gelockte, mollige Enzo und formte gerade einen Schneeball. »Puff!«, landete er mit einem gezielten Wurf an der Scheibe.
Lisa riss das Fenster auf. »Ist ja schon gut, Enzo. Ich bin jetzt wach.«
»Guten Morgen, du Schlafmütze«, rief Enzo empor. »Hast du gesehen, was uns das Wetter über Nacht beschert hat? Ist das nicht fantastisch?«
»Es ist unbeschreiblich schön und die Luft ist herrlich frisch«, erwiderte Lisa fröhlich. »Wir kommen gleich runter, Enzo.«
Flugs breitete sie ihre Decke zum Lüften über dem Fenster aus. Auf dem Weg zum Badezimmer polterte sie an die Zimmertüren ihrer Brüder. »Ingo, Georg? Steht sofort auf und seht aus dem Fenster!«
Als Lisa kurz danach aus dem Badezimmer kam, waren ihre Brüder aufgestanden und wuselten im Flur umher, rannten von einem Fenster zum anderen. »Das ist klasse«, war Ingo begeistert. »Endlich können wir Schlitten fahren und eine Schneeballschlacht machen.«
»Zuerst bauen wir aber einen Schneemann im Garten«, forderte Lisa. »Gleich nach dem Frühstück können wir uns an die Arbeit machen.«
»Ich bin eher fürs Schlittenfahren«, verkündete Georg vergnügt. »Dieses Wetter ist echt grandios, Leute. Da haben wir Spaß und Bewegung an der frischen Luft, das wird klasse werden. Anschließend können wir eine Schneeballschlacht machen, und falls wir danach nicht zu müde sind, bauen wir einen Schneemann.«
Auch wenn sich die Kinder noch nicht einig waren, was sie zuerst machen wollten, kamen sie wenig später die Treppen hinunter und öffneten die Haustür. »Guten Morgen, Enzo«, grüßten sie wie im Chor.
»Guten Morgen, Freunde«, erwiderte Enzo den Gruß. »Seht euch doch nur den vielen Schnee an. Ist das nicht fantastisch?«
»Natürlich ist es fantastisch«, erwiderte Georg melodisch.
Enzo kam ins Haus und folgte den Geschwistern zur Küche, wo Frau Seifert bereits ein herzhaftes Frühstück vorbereitet hatte. Sie grüßten die Mutter und setzten sich an den Tisch.
»Endlich habt ihr euren Schnee«, sagte Frau Seifert. »Die ganze Zeit habt ihr von nichts anderem mehr gesprochen und prompt ist er hier. Seid ihr jetzt zufrieden?«
»Natürlich, Mama«, antwortete Ingo. »Zum Winter gehört nun einmal ordentlich Schnee. Das ist doch viel schöner, als die tristen, blattlosen Baumgerippe, die überall in der Landschaft stehen. Außerdem ist es bei Schnee durch die Reflexionen so schön hell und angenehm still, weil die rauen Oberflächen der Schneeflocken den Schall schlucken.«
Die Kinder schlürften heiße Milch und Schokolade, dazu ließen sie sich knusprige Brötchen mit Marmelade schmecken. Indessen holte die Mutter einen Apfelkuchen aus dem Backofen, dessen herrlicher Duft den ganzen Raum erfüllte. Sie bestreute ihn mit Zimtzucker und wusch ihre Hände in der Spüle ab. Danach ging sie nach draußen, um nach der Post zu sehen. Kurz danach kam sie herein und legte den Kindern einen kirschroten Brief auf den Tisch. »Das ist für dich, Ingo. Es sieht aus wie Werbung.«
Ingo legte sofort sein Brötchen beiseite, rückte seine Brille zurecht und öffnete den Umschlag. »Wahnsinn, Leute!«, rief er freudestrahlend.
»Hast du etwas gewonnen?«, wollte Lisa wissen.
»Das kann man wohl sagen«, erwiderte Ingo. »Das ist eine Einladung ins Hotel Pfalzblick, um dort die Ferien zu verbringen. Das ist eine Werbeaktion.«
»Das ist schön, aber wie kommen die ausgerechnet auf dich, Ingo?«, fragte die Mutter misstrauisch. »Ist das vielleicht eine solche Aktion, wo man draufbezahlen muss?«
»Nein, Mama. Ich habe denen vor wenigen Wochen eine Mail geschrieben, um ihnen mitzuteilen, dass wir einen Ferienjob als Schneeräumer, Laubfeger oder Hobbygärtner suchen«, erklärte Ingo. »Wahrscheinlich hatten sie unsere Daten in ihrem System gespeichert und diese haben automatisch an der Verlosung teilgenommen. Das Hotel scheint seriös zu sein. Die könnten sich keine derartigen Aktionen erlauben, wo die Gewinner am Ende draufzahlen.«
»Schön für dich, Ingo«, reagierte Georg betrübt. »Viel Spaß dabei. Wir brauchen dich hier sowieso nicht. Wir können auch alleine Schlitten fahren, eine Schneeballschlacht machen oder einen Schneemann bauen.«
»Das sagst du doch nur, weil du sauer bist, dass Ingo ohne uns geht«, warf Enzo Georg vor. »Ich finde, ohne Ingo ist es nur halb so schön. Schade, dass du gehst, Ingo.«
»Was denkt ihr von mir?«, empörte sich Ingo. »Natürlich sind wir alle vier eingeladen. Schließlich hatte ich auch die Bewerbung für den Ferienjob für uns alle vier geschrieben. Uns gibt es nur im Viererpack oder gar nicht. Ich würde doch nie ohne euch wegfahren?!«
»Du bist ein Schatz, Ingo«, freute sich Lisa und umarmte ihren Bruder so stürmisch, dass danach seine Brille schief hing.
Auch Georg und Enzo bedankten sich bei Ingo, der diese Einladung durch die Jobbewerbung erst möglich gemacht hatte.
»Ihr werdet hoffentlich bei diesem Wetter nicht mit den Fahrrädern fahren wollen?!«, fragte Frau Seifert kritisch. »Das wäre viel zu gefährlich. Ihr könntet ausrutschen und …«
»Nein, Mama. Wir fahren mit dem Bus«, beruhigte Georg und wandte sich an Ingo. »Wo ist das überhaupt, Ingo?«
»Hotel Pfalzblick befindet sich in Eschbach«, antwortete die Mutter zur Überraschung der Kinder.
»Woher weißt du das, Mama?«, interessierte sich Lisa. »Kennst du das Hotel?«
»Ja«, wunderte sich auch Ingo. »Woher kennst du es?«
»Sag es uns doch endlich«, drängte auch Georg nach der Antwort.
»Denkt doch mal nach«, forderte Frau Seifert mit einem Lächeln.
»Nachdenken?«, stutzte Ingo. »Das wird ja immer interessanter?! Ich kann mich echt nicht erinnern, schon einmal dort gewesen zu sein. Warst du mit mir dort, als ich noch ein Baby war, weil ich mich nicht mehr daran erinnern kann?«
»Ich kann mich daran auch nicht erinnern, obwohl ich ein Jahr älter bin als Ingo«, fügte Georg hinzu und platzte fast vor Neugierde. »Waren wir als Babys mit dir und Papa dort?«
»Nein!«, lachte Lisa. »Das ist ganz einfach, Jungs. Mama kennt das Hotel nicht. Sie hat den Brief reingeholt, auf dem die Adresse draufsteht. Das ist alles. Stimmt`s, Mama?«
»Genau.« Die Mutter nickte und lächelte verschmitzt, worauf ein Raunen durch die Küche ging.
Natürlich. Wie konnten sie das nur übersehen? Wahrscheinlich war es die Aufregung über den frisch gefallenen Schnee und die Einladung, was die Kinder so abgelenkt hatte. Den Jungen war es peinlich, dass es der Mutter gelungen war, sie ein bisschen an der Nase herumzuführen. Gerade deshalb, weil sie sich doch für so gute Detektive hielten, denen nichts entgeht. Aber das IGEL-Team war ja nur mit Lisa vollständig und sie hat ja das kleine Rätsel gelöst. Durch Lisas Scharfsinn war es der Mutter folglich gar nicht gelungen, sie zu veräppeln. Somit konnte man diesen kleinen Erfolg also doch dem IGEL-Team verbuchen.
»Gut kombiniert, Lisa«, lobte Ingo seine Schwester, worauf Georg und Enzo zustimmend nickten.
Nachdem die Kinder gefrühstückt hatten, stellte die Mutter jedem ein großes Glas Orangensaft hin. Sie tranken täglich nach dem Frühstück ein großes Glas Orangensaft oder Orangen-Karottensaft, um genügend Vitamine für den Tag zu tanken.
Ingo stand auf. »Wir gehen packen, Mama.«
Wie auf Kommando verließen die Kinder die Küche und machten sich an die Arbeit, ihre Sachen zu packen.


Übertriebene Fürsorge
Enzo lief nach Hause, erzählte seinen Eltern von der Einladung und kam wenig später mit gepackten Taschen zurück. Bald stand alles neben der Haustür für die Abreise bereit.
Die Kinder gingen in die Küche, um sich zu verabschieden. »Wir gehen jetzt zum Bahnhof, Mama«, erklärte Ingo. »Wiedersehen.«
»Das kommt gar nicht in Frage«, widersprach die Mutter und kassierte dafür entsetzte Blicke.
»Du hast es uns doch aber erlaubt?«, sagte Lisa vorwurfsvoll. »Dürfen wir doch nicht gehen?«
»Natürlich dürft ihr gehen, aber ihr müsst nicht mit dem Bus fahren, weil ich euch nämlich hinbringen werde. Ladet eure Sachen ins Auto. Es steht in der Garage«, forderte Frau Seifert.
Georg hob die Augenbrauen. »Warum steht unser Auto in der Garage? Papa ist doch heute Morgen zur Arbeit gefahren?!«
»Nein, er hat das Auto stehen lassen und ist gelaufen«, meinte Enzo. »Ich traf ihn vor der Haustüre an, als er das Haus verließ.«
»So ist es«, erwiderte die Mutter. »Weil die Straßen heute Morgen zugeschneit waren, ist er zur Arbeit gelaufen. Deshalb steht der Wagen in der Garage. Die Straßen wurden mittlerweile gestreut und darum ist es kein Problem für mich, euch direkt vors Hotel zu fahren. Edenkoben ist nur dreißig Kilometer entfernt. Mit dem Auto ist das ein Katzensprung.«
»Hurra!«, schrie Enzo dankbar. »Sie sind die Beste, Frau Seifert. So brauchen wir unser schweres Gepäck nicht über den verschneiten Gehweg bis zum Bahnhof zu schleppen und werden ganz bequem bis vor die Tür gebracht.«
Darüber waren alle froh. Es hätte ihnen zwar nichts ausgemacht, mit dem Bus zu fahren, aber so war es wirklich bequemer. Sie luden ihre Sachen ins Auto und die Fahrt ging los. Die Hauptverkehrsstraßen waren mittlerweile schneefrei, nur die Seitenstraßen waren noch bedeckt. Sie verließen die Stadt und fuhren durch die schneebedeckte Landschaft. Eine angenehme Wärme strömte aus den Luftdüsen und im Autoradio dudelte leise Musik. Die Scheibenwischer bewegten sich quietschend hin und her und wischten die Schneeflocken beiseite, die auf die Windschutzscheibe wehten. Nach etwa dreißig Minuten kamen sie am Hotel Pfalzblick an. Das Dach und die Fensterbänke waren schneebedeckt, wodurch das große, schmucke Gebäude wie ein Lebkuchenhaus aussah.
»Wir sind da.« Frau Seifert parkte den Wagen am Straßenrand. »Ich wünsche euch schöne Ferien. Aber ich werde noch schnell mit euch reingehen und mir dieses Hotel mal ansehen.«
»Danke, Mama. Das musst du aber nicht«, wies Ingo hin.
Doch die Mutter ließ sich nicht davon abhalten und begleitete die Kinder zum Hoteleingang. Sie stapften durch den knarrenden Schnee, putzten sich die Schuhe am Fußabstreifer ab und schritten durch die Glastür in die Eingangshalle. Eine angenehme Wärme und ein würziger Tannenduft umgaben sie. Neben dem Treppenaufgang stand ein großer Christbaum mit elektrischen Kerzen und großen, glänzend roten Kugeln. Der schwarzhaarige Rezeptionist schaute über seine schwarz umrahmte Hornbrille hinweg die kleine Gesellschaft an. Auf dem Rezeptionsschalter funkelte ein kleiner Weihnachtsbaum, dessen Lichter sich in seinen Brillengläsern spiegelten.
Ingo übergab ihn den Brief mit der Einladung. »Guten Tag, wir wurden ausgelost und sind eingeladen, unsere Ferien hier zu verbringen.«
»Gut, herzlich willkommen. Mein Name ist Hubertus«, stellte sich der Rezeptionist vor. »Sind Sie alle eingeladen?«
»Ich nicht. Ich habe die Kinder nur hergebracht«, informierte Frau Seifert. »Aber bevor ich mich auf den Heimweg mache, möchte ich Ihnen noch etwas ans Herz legen, Herr Hubertus.«
»Und das wäre?« Interessiert beugte sich der Mann über den Tisch, wobei die Lichter des Tischbäumchens sein Gesicht geheimnisvoll beleuchteten.
»Achten Sie bitte darauf, dass die Kinder immer reichlich zu essen bekommen«, bat Frau Seifert.
»Gewiss doch«, antwortete der Mann erstaunt. »Wir haben eine große Auswahl an guten Speisen. Unsere Gäste können sich nehmen, was immer sie wollen. Sie können die Speisen im Speisesaal einnehmen oder sie sich sogar aufs Zimmer bringen lassen.«
»Mama?!«, brüllte Ingo entsetzt. »Wir sind doch keine kleinen Kinder mehr!«
»Ja, das sieht ja aus, als wären wir Vielfraße«, klagte Lisa. »Du hast uns doch auch genügend Proviant eingepackt. Wir werden bestimmt nicht verhungern.«
»Ich meine es doch nur gut mit euch«, rechtfertigte sich die Mutter.
»Also ich finde es in Ordnung, Frau Seifert«, sagte Enzo dankbar.
»Das ist völlig in Ordnung«, lachte der Rezeptionist. »Sorgen Sie sich nicht, Frau Seifert. Ihre Kinder sind hier gut versorgt und es wird ihnen an nichts mangeln.«
»Vielen Dank, genau das wollte ich hören«, gab sich Frau Seifert zufrieden. Sie verabschiedete sich von den Kindern und machte sich auf den Heimweg. Die Kinder schauten eine Weile durch die Glasfront des Hotels in die schneebedeckte Landschaft und beobachteten, wie der Wagen davonfuhr.
Ein glatzköpfiger Mann, etwa Mitte 30, kam gerade die Treppen herunter. »Herr Berger?«, sprach Herr Hubertus ihn an. »Es hat so stark geschneit, dass die Wege wieder geräumt werden müssen. Können Sie sich bitte gleich darum kümmern?«
»Ja, das mache ich«, antwortete der Herr. Er holte seine Jacke hinter der Rezeption, schlüpfte hinein und schritt gleich zur Tür hinaus.
»Mama ist weg.« Georg wandte sich dem Rezeptionsschalter zu. »Könnten wir jetzt bitte die Schlüssel bekommen, Herr Hubertus?«
»Natürlich, junger Mann«, antwortete der Rezeptionist. »Sind Sie der Betreuer der Kinder?«
»Nein, wir brauchen keinen Betreuer«, mischte sich Ingo ein wenig beleidigt ein. »Georg ist erst dreizehn und ist nur ziemlich groß für sein Alter.«
»Das glaube ich dir nicht«, erwiderte der Mann skeptisch und schaute Georg fragend an.
»Doch«, bestätigte Georg stolz. »Es ist wahr.«
»Du siehst aus wie ein Zwanzigjähriger«, staunte Herr Hubertus. »Das ist unglaublich.«
Georg nickte. »Danke, das höre ich oft.«
Der Mann überreichte Georg die Schlüssel. »Ihr bekommt eine Suite unter dem Dach.«
»Eine Suite?«, wiederholte Enzo erfreut. »Habe ich das richtig verstanden?«
Der Herr nickte. »Ja, ihr seid vier Personen und braucht ja entsprechend Platz. Außerdem seid ihr die Gewinner der Auslosung, wodurch ihr besondere Gäste seid.«
»Das hört man gerne«, jauchzte Lisa. »Das werden die schönsten Ferien, die wir jemals hatten.«
Herr Hubertus nahm den Telefonhörer ab. »Moment noch bitte. Herr Eisenbrand wird euer Gepäck raufbringen und euch die Suite zeigen.«
Kurz nach dem Telefonat warteten die Kinder am Treppenaufgang auf den Gepäckträger und bewunderten währenddessen den riesigen Christbaum. Kurz darauf kam ein älterer Herr mit weißen Haaren und weißem Vollbart die Stufen herab. »Er sieht aus wie der Weihnachtsmann«, flüsterte Enzo im Spaß, worauf seine Freunde kicherten.
»Guten Tag«, grüßte der Mann im dicken, roten Wollpullover. »Ich bin Herr Eisenbrand und zuständig für das Gepäck.«
Georg sah den Herrn, der etwa Mitte 50 sein musste, irritiert an. »Ach. Ich denke, wir können unsere Sachen auch selbst rauftragen.«
»Auf gar keinen Fall«, reagierte der Mann bestimmend. »Lasst euch durch mein Aussehen nicht täuschen. Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber dennoch habe ich mehr Kraft als manch jüngere Leute. Ihr müsst wissen, ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio und stemme Gewichte.«
»Tut mir leid, entschuldigte sich Georg. »Ich wollte nur …«
»Das ist in Ordnung, junger Mann. Es passiert mir ständig, dass ich unterschätzt werde.« Er hängte sich die Reisetaschen um und hievte die Koffer hoch. Scheinbar mühelos schritt er mit all der Last die Treppen hinauf.
»Er nimmt gleich alles auf einmal«, staunte Georg. »Damit hätte ich Probleme gehabt.«
»Ach ja«, sagte Herr Eisenbrand. »Ich nehme die Treppe, weil ich fit bleiben will. Ihr könnt ruhig mit dem Aufzug fahren …«
»Nein danke«, lehnte Ingo ab. »Wir wollen auch fit bleiben.«
Die Kinder folgten dem Mann durchs Treppenhaus nach oben zum Dachgeschoss, wo sie in einen langen Korridor mit rotem Teppichboden kamen. Dort führte er sie zu ihrer Suite und stellte die Taschen ab. Die Räumlichkeiten bestanden aus zwei Schlafzimmern mit apfelgrünen Teppichen und Vorhängen, einem Badezimmer mit himmelblauen Kacheln und einem Wohnzimmer mit kirschroten Teppichen und Vorhängen, indem es sogar zusätzlich einen Esstisch gab. Auf dem Tisch stand als Begrüßungsgeschenk eine Schüssel mit Mandarinen und Waldnüssen. Auf der Kommode im Wohnzimmer stand eine Vase mit Tannenwedeln, an denen kleine, blaue Christbaumkugeln baumelten.
»Das ist eine richtige Luxussuite«, war Ingo begeistert.
»Viel Spaß, Kinder«, verabschiedete sich Herr Eisenbrand und verließ den Raum.
»Vielen Dank«, riefen die Kinder hinterher wie aus einem Mund.
Zuerst teilten sie sich ihre Schlafplätze zu. Lisa nahm ein Zimmer für sich alleine. Enzo und Georg teilten sich ein großes Doppelbett und Ingo wollte auf der Couch schlafen, weil er auf dem Wohnzimmertisch seinen Klapprechner abstellen konnte.
»Freunde?« Enzo zeigte zur Kommode, auf der das Telefon stand. »Es ist gleich Mittagszeit. Wir könnten den Service gleich testen und uns etwas zu essen raufbringen lassen. Was meint ihr?«
»Nein«, lehnte Lisa ab. »Heute ist unserer erster Tag im Hotel. Wir sollten erst mal in den Speisesaal gehen und schauen, was es dort überhaupt alles so gibt.«
»Genau«, war Georg derselben Ansicht. »Wir gehen zum Speisesaal und nach dem Essen Spazieren, um alles auszukundschaften.«
Ingo schaute aus der Dachluke über die verschneite Landschaft. »Klasse. Nach dem Rundgang gehen wir spazieren und genießen den Schnee. Ich kann es kaum noch erwarten.«


Ein erschütterndes Erlebnis
Die Kinder freuten sich riesig über ihre tolle Suite. Zuerst packten sie ihre Taschen und Koffer aus. Die Wäsche räumten sie in die Schränke und den Proviant in die Kommode ein. Sie stellten ihren Wasserkocher und die Teebox auf die Kommode. Diese beiden Dinge hatten sie in den Ferien immer dabei. Die Teebox bestand aus einer Schachtel, in der sich verschiedene Sorten Tee, vier Becher und eine Zuckerdose befanden. Beim Proviant hatten sie den Apfelkuchen und mehrere Dosen Weihnachtsgebäck entdeckt, die Frau Seifert ihnen eingepackt hatte. In den Frischhaltedosen befanden sich Anisplätzchen, Zimtsterne und Lebkuchen.
»Mama ist die Beste«, freute sich Lisa. »Sie macht auch den besten Kuchen und das beste Weihnachtsgebäck der Welt.« Ingo, Enzo und Georg freuten sich ebenso über die kleine Überraschung und nickten zustimmend.
Enzo ließ es sich nicht nehmen, in die Dosen hineinzuschnuppern, um den herrlichen Duft von Zimt, Gewürznelken und Anis in sich aufzunehmen. »Das duftet köstlich, Freunde. Sollen wir vielleicht gleich ein bisschen davon naschen?«
»Nein! Wir gehen erst essen und danach können wir naschen«, bestimmte Ingo.
Bald war die Suite so weit eingerichtet, und nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, verspürten sie einen Bärenhunger. Sie gingen nach unten und suchten den Speisesaal auf, der schnell gefunden war. Es war ein großer Raum. Die Tische waren mit weißen Tischdecken versehen und darauf befand sich ein Tannengesteck mit einer blauen Kerze. Der Fußboden bestand aus Parkett und oben an der Decke befand sich eine Glaskuppel, die von Schnee bedeckt war. Gleich vorne an der Eingangstür zum Speisesaal war ein großes Buffet aufgebaut.
»Prima. Es sind nur wenige Leute hier«, frohlockte Enzo. »So brauchen wir uns nicht lange anzustellen und bekommen einen freien Tisch.«
Sie nahmen Teller, liefen am Buffet entlang und füllten sich diese auf. Es standen zahlreiche Gerichte zur Auswahl, aber die Kinder entschieden sich für Schweinefilet in Steinpilzsoße mit Salzkartoffeln. Dazu nahmen sie sich einen frischen, knackigen Salat. Als Nachtisch wählten sie Kirschjoghurt. Sie setzten sich an einen freien Tisch und ließen es sich schmecken. Nach dem Essen gingen sie nach oben in ihre Suite, kochten sich einen Pfefferminztee und knabberten dazu Anisplätzchen. Nach dem Tee wollten die Kinder gerade die Suite verlassen, um ihre Erkundungstour durch das Hotel zu starten. Plötzlich donnerte es heftig, die Wände vibrierten und der Boden unter ihren Füßen bebte. Erschrocken hielten sich gegenseitig fest.
»Was war das?«, schrie Lisa. »War das ein Erdbeben?«
»Was soll es sonst gewesen sein?«, schrie Enzo ebenso aufgeregt.
Im Flur hörte man Stimmengewirr. Ingo blickte aus der Tür. »Da sind aufgeschreckte Hotelgäste, die nach unten strömen.«
»Schnell! Wir folgen ihnen«, empfahl Georg hektisch. »Ein erneutes Beben könnte das Haus einstürzen lassen.«
»Nichts wie raus hier«, drängte Enzo, schob seine Freunde in den Flur unter die Menschenmassen und folgte ihnen.
Rasant bewegten sie sich mit der Menschenmenge die Treppen hinunter zur Eingangshalle, wo sie sich Gewissheit beim Rezeptionisten verschaffen wollten. Doch die Rezeption war nicht besetzt.
Herr Hubertus kam gerade aus einem Flur neben der Treppe geeilt. »Kein Grund zur Sorge, liebe Gäste«, beruhigte er die verängstigten Leute. »Wir hatten das vor wenigen Tagen schon einmal.«
»War das ein Erdbeben?«, fragte ein besorgter Hotelgast.
»Keine Ahnung. Als es vor wenigen Tagen auftrat, hatte sich die Polizei um die Sache gekümmert und sich bei den Baubehörden erkundigt«, erklärte der Rezeptionist. »Es sind weder Baumaßnahmen noch Tunnelbohrungen in der Nähe bekannt. Wir haben deshalb einen Statiker das Gebäude überprüfen lassen. Es gab keinen Befund. Das Haus ist also sicher, obwohl wir nicht herausfinden konnten, was es mit dem Beben auf sich hatte.«
»Das ist aber nicht sonderlich beruhigend«, beklagte sich der Hotelgast.
»Ich kann Ihnen aber versichern, dass das Haus nicht einstürzen wird«, entgegnete Herr Hubertus. »Ihnen kann also nichts passieren.«
»Hat das etwas mit diesem Schatz zu tun, der hier vergraben sein soll?«, fragte ein anderer Hotelgast.
Herr Hubertus lachte. »Das ist doch nur eine Legende. Diesen Schatz gibt es nicht wirklich.«
»Welcher Schatz?«, hakte Ingo nach. »Was ist das für eine Legende?«
»Ach«, erwiderte der Rezeptionist. »Früher im 17. Jahrhundert war dieses Gebäude ein Kloster. Die Mönche wurden damals von Rebellen vertrieben und ihre gesamten Schätze sind angeblich nie gefunden worden. Einige Leute glaubten, sie würden sich noch immer in den Kellerräumen befinden.«
»Interessant.« Georg nickte und schürzte dabei die Unterlippe. »Ist das wirklich nur eine Legende?«
»Ja«, antwortete der Rezeptionist und bog dabei die Lämpchen an seinem Tischbäumchen zurecht, die sein Gesicht geheimnisvoll beleuchteten. »Ein Großteil des Kellers war eingestürzt und wurde von Archäologen und Wissenschaftlern regelrecht umgegraben. Der erhaltene Teil wurde ebenfalls gründlich durchsucht und danach wegen Baufälligkeit gesperrt. Bevor das Gebäude total renoviert wurde, wimmelte es im Keller erneut von Archäologen und Wissenschaftlern. Sie haben nur Tonscherben und andere Artefakte, aber keinen Schatz gefunden. Das ist jetzt bereits über vierzig Jahre her und längst vergessen. Das war eben nur eine Lügengeschichte. Man munkelt, die Mönche hätten vorher gewusst, dass sie vertrieben werden, und hätten deshalb ihren Schatz lange vorher in einem anderen Kloster in Sicherheit gebracht.«
»Das klingt nachvollziehbar«, sagte Lisa. »Wäre hier ein Schatz gewesen, hätten sie ihn nach so vielen Jahren bestimmt längst entdeckt.«
Die Kinder entfernten sich von der Rezeption und schauten sich den Christbaum an. Nur langsam beruhigten sich die Hotelgäste und die Menschenansammlung löste sich allmählich auf.
»Was kann dieses Beben verursacht haben?«, interessierte sich Georg. »Hat jemand von euch eine plausible Erklärung dafür?«
»Nein.« Ingo schüttelte den Kopf. »War es vielleicht eine Laune der Natur?«
»Herr Hubertus?«, sprach Enzo den Rezeptionisten an. »Betrifft dieses Erdbeben die gesamte Stadt?«
»Nein«, antwortete der Mann. »Die Polizei sagte, nur wir hätten sie angerufen. Es muss also ausschließlich in unserem Haus stattgefunden haben.«
Georg lief in den Flur neben der Treppe und winkte die anderen zu sich. »Wir sollten dringend den Keller erkunden. Wenn etwas ein Beben verursacht, muss es in den Fundamenten des Gebäudes zu finden sein. Wer weiß, ob es nicht doch mit dem Schatz zu tun hat?!«
»Aber das ist doch nur eine Legende«, erinnerte Enzo skeptisch.
»Ja und?«, fragte Lisa. »Es gibt bestimmt genügend Leute, die es für eine wahre Geschichte halten und den Schatz wirklich suchen.«
Dies klang plausibel. Und so suchten sie den Keller auf, der bald gefunden war. Sie schauten in einen Abstellraum und danach in eine Besenkammer. Dann liefen sie den schmalen Flur neben der Treppe entlang, aus dem kurz zuvor der Rezeptionist gekommen war. Im Flur begegneten ihnen Hausmeister Herr Berger und kurz darauf der Kofferträger Herr Eisenbrand. Sie entdeckten einem Pausenraum und eine Toilette für Personal. Daneben war eine schwere Tür. Als sie diese öffneten, blies ihnen ein modriger Luftschwall entgegen. Steinerne Treppen führten hinab in die dunkle Tiefe.
»Bingo! Hier geht es zum Keller.« Lisa suchte vergeblich den Lichtschalter. »Ich fürchte, wir brauchen unsere Taschenlampen.«
»Herr Berger und Herr Eisenbrand kamen gerade aus dem kleinen Flur«, bemerkte Georg. »Waren sie jetzt aus dem Keller, aus dem Pausenraum oder von der Toilette gekommen?«
»Sie können überall gewesen sein«, antwortete Ingo. »Ich nehme eher an, sie waren im Pausenraum oder auf der Toilette. Was hätten sie im Keller machen sollen?«
»Das werden wir erfahren, sobald wir den Keller erkundet haben. Wartet hier!«, bat Enzo. »Ich gehe schnell rauf und hole die Taschenlampen.«
Georg, Lisa und Ingo setzten sich auf die kalte Kellertreppe und warteten. »Als wir nach dem Beben runtergekommen sind, war Herr Hubertus nicht an der Rezeption und kam aus diesem Flur gerannt«, erinnerte Lisa. »Wo kann er gewesen sein?«
»Im Pausenraum oder auf der Toilette«, nahm Ingo an. »Er könnte aber genauso gut im Keller gewesen sein.«
Nach etwa zwanzig Minuten war Enzo noch immer nicht da und Georg wurde ungeduldig. »Wo bleibt Enzo mit den Taschenlampen? Er müsste längst zurück sein?!«
»Er wird hoffentlich nicht essen gegangen sein«, befürchtete Ingo. »Sobald er von einer seiner Heißhungerattacken geplagt wird, würde ich ihm alles zutrauen.«
»Wie kann er uns so lange warten lassen?« Erzürnt sprang Lisa auf. »Ich gehe rauf und sehe nach, wo er geblieben ist. Der kann was erleben!«
Georg und Ingo warteten nun auf Lisa und Enzo. Sie saßen da, starrten die dunkle Treppe hinab und atmeten die modrige Luft.
»Jetzt kommen sie beide nicht mehr«, brummte Georg nach einer Weile. »Kann es denn so schwer sein, Taschenlampen aus unserer Suite zu holen?«
»Das verstehe ich auch nicht«, war Ingo ratlos. »Wir gehen am besten rauf und sehen nach, was los ist.«
So gingen Georg und Ingo nach oben zur Suite, wo sie wenig später ankamen. »Lisa? Enzo? Was ist los mit euch, wo bleibt ihr denn?«, rief Ingo vorwurfsvoll, doch nichts rührte sich.
Georg sauste durch die Suite, öffnete die Türen und schaute in die Schlafzimmer. »Hier sind sie nicht. Wo sind sie nur?« Er klopfte an die Badezimmertür. »Ist jemand da drinnen?« Vorsichtig lugte er ins Bad. »Sie sind nicht da! Denkst du, sie sind im Speisesaal?«
»Das hätte ich Enzo nicht wirklich zugetraut und Lisa erst recht nicht«, gestand Ingo.
»Vielleicht ist Lisa dort, um Enzo da rauszuholen«, kombinierte Georg. »Gehen wir runter und sehen nach.«
Ingo öffnete die Schublade der Kommode. »Merkwürdig. Die Taschenlampen sind weg?! Das bedeutet, sie waren hier, haben die Taschenlampen geholt und sind danach verschwunden?!«
»Da bin ich aber sehr gespannt, wie sie uns das erklären wollen.« Georg war echt sehr aufgebracht. »Wenn sie nicht mit uns in den Keller wollten, hätten sie es uns doch einfach sagen können, anstatt sich so hinterhältig davonzustehlen!«
»Langsam fange ich an, mir Sorgen zu machen«, offenbarte Ingo. »Es sieht Enzo und Lisa überhaupt nicht ähnlich, sich einfach so davonzustehlen. Sie lieben Abenteuer genau wie wir.«
»Richtig«, bestätigte Georg. »Ich habe wenig Hoffnung, dass wir sie im Speisesaal antreffen werden. Irgendetwas an der Sache ist faul.«
Ingo und Georg suchten den Speisesaal auf. Es war so, wie sie befürchtet hatten. Von Enzo und Lisa gab es hier nicht die geringste Spur.
»Wir müssen sofort die Polizei einschalten«, sorgte sich Ingo. »Sie wurden vielleicht entführt?!«
»Aber von wem und weshalb?«, wunderte sich Georg, der sich ebenfalls große Sorgen machte. »Das ergibt keinen Sinn! Wir sehen erst noch mal an der Kellertreppe nach, ob sie inzwischen dort eingetroffen sind.«
Georg und Ingo waren sehr besorgt. Wo waren nur Enzo und Lisa geblieben? Sie waren wie vom Erdboden verschluckt. Die zwei Jungen gingen zur Kellertreppe und sahen nach, doch hier waren sie auch nicht.
»Lisa? Enzo?«, rief Ingo. »Seid ihr im Keller?«
»Das denke ich nicht. Sieh doch, wie finster es da unten ist«, wies Georg hin. »Weshalb sollten sie ohne uns …«
»Wir werden qualvoll verhungern«, hörten sie auf einmal Enzos jammernde Stimme aus der dunklen Tiefe.
»Enzo?«, rief Georg erfreut. »Das war doch Enzo?! Es kam eindeutig von da unten.«
»Wo seid ihr?«, rief Ingo, dem ein Stein vom Herzen fiel. »Und was ist da unten los?«
»Hier sind wir! Wo seid ihr?«
»Das war Lisa«, erkannte Georg die Stimme seiner Schwester. »Wir sind hier oben, Lisa.«
»Warum sind sie ohne uns in den Keller gegangen, wo wir ihn doch gemeinsam erkunden wollten?«, empörte sich Ingo. »Ich hole schnell eine Solarleuchte aus unserem Zimmer. Die Taschenlampen haben sie ja leider mitgenommen.«
»Aber beeil dich, Ingo«, forderte Georg und tastete sich bereits die dunkle Kellertreppe hinunter. »Ich gehe schon mal vor. Vielleicht gewöhnen sich meine Augen inzwischen an die Dunkelheit.«
Ingo rückte seine Brille zurecht. »Ich habe im Internet gelesen, dass die Stäbchenzellen in unseren Augen zwischen 30 und 45 Minuten brauchen, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Das funktioniert auch nur, wenn es nicht total finster ist. Bis sich deine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, bin ich also längst zurück.«
»Egal. Ich habe ja auch noch meinen Tastsinn, den ich nutzen kann«, entgegnete Georg. »Wir treffen uns unten.«
Ingo rannte nach oben zur Suite und holte eine Solarleuchte aus dem Schrank. Kurz darauf kam er zum Keller zurück. »Georg? Wo bist du?«, prustete er völlig außer Atem. »Hast du Lisa und Enzo gefunden?«
»Ich bin hier unten«, rief Georg. »Nein! Sie müssen aber hier irgendwo sein.«
Im Schein der Solarleuchte stieg Ingo die steinernen Stufen hinab. Er kam in einen Korridor mit moosbewachsenen Sandsteinwänden und erdigem Boden. »Georg? Wo bist du?«
»Ich bin hier.« Georg kam direkt neben Ingo aus einem Raum. »Hier drin sind sie nicht. Durchsuchen wir die anderen Räume.«
»Warum kommen sie nicht raus?«, wunderte sich Ingo. »Wollen sie mit uns Verstecken spielen oder was?«
»Das würde mich auch interessieren«, grummelte Georg. »Langsam ist das nicht mehr witzig.«
Der Korridor mündete in eine große Halle. Ingo schwenkte die Solarlaterne hin und her, um den Raum so gut wie möglich auszuleuchten. »Hier lagern alte Blechfässer und ausrangierte Möbelstücke. Das ist eine Art Lagerhalle.«
»Lisa? Enzo? Seid ihr hier drinnen?«, rief Georg, wobei seine Stimme als Echo zurück hallte.
»Wir sind hier«, riefen Enzo und Lisa gleichzeitig.
»Das klang sehr nah«, fiel Ingo auf. »Es kam von da drüben hinter den Blechfässern.«
Georg und Ingo eilten an die Stelle, wo sie die Stimmen gehört hatten. Georg schob die Blechfässer beiseite und schaute verblüfft drein. »Hier ist niemand?!«
»Doch«, quietschte Lisa aufgeregt. »Hier sind hier unten.«
Erst jetzt entdeckten sie nahe am Boden eine Öffnung, die mit Gitterstäben versehen war. Dahinter saßen Enzo und Lisa. Sie wedelten mit den Taschenlampen, waren über und über mit Schmutz bedeckt und zitterten vor Kälte.
Ingos grüne Augen weiteten sich vor Erstaunen. »Wie um Himmels willen seid ihr da hineingekommen? Und warum seid ihr so schmutzig?«
»Das … das möchte ich auch wissen«, fügte Georg völlig perplex hinzu.
»Ich war doch raufgegangen, um die Taschenlampen zu holen«, erinnerte Enzo.
»Ja, und weiter?«, drängte Ingo nach mehr Informationen.

Georg und Ingo hörten aufmerksam zu, während Enzo seine Gesichte erzählte, die sich folgendermaßen zugetragen hatte:
Als sie den Keller entdeckt hatten, suchte Lisa vergeblich den Lichtschalter. »Wir brauchen unsere Taschenlampen.«
»Wartet hier«, bat Enzo. »Ich gehe schnell rauf und hole sie.«
Enzo stürmte hinauf in die Suite. Gerade in dem Moment, als er die Taschenlampen aus der Kommode holen wollte, öffnete sich plötzlich die Schranktür und ein modriger Geruch wehte durchs Zimmer. »Wer ist da?«, fragte er erschrocken, doch es blieb still.
»Kommen Sie raus oder ich lasse den Hund auf Sie los«, schrie Enzo und machte täuschend echt einen wütenden Hund nach, indem er knurrte und bellte.
Als sich daraufhin nichts regte, lief er vorsichtig zum Schrank. Die Jacken an der Wäschestange bewegten sich. »Hier muss ein Luftzug sein.« Enzo schob die Jacken beiseite. Da entdeckte er an der Rückwand des Schrankes eine offene Geheimtür und seine Augen funkelten vor Abenteuerlust. »Was haben wir denn da? Sie muss sich wahrscheinlich durch die Erschütterungen des Erdbebens geöffnet haben?! Die anderen werden staunen, wenn ich ihnen davon erzählen werde. Hoffentlich ist es wirklich ein Geheimgang und nicht nur eine Nische.«
Um sich davon zu überzeugen, nahm Enzo kurzerhand eine Taschenlampe aus der Schublade und näherte sich dem Geheimgang. Vorsichtig schritt er durch den Schrank. Doch der Boden unter seinen Füßen war alles andere als fest und sicher. Enzo rutschte aus und fiel hin. Schreiend glitt er durch eine Rinne hinab in die Tiefe und landete mit einem Platsch im kalten Matsch. Dunkelheit umgab ihn. Nur weit oben konnte er das schwache Licht sehen, das durch die Geheimtür von der Suite hereinfiel. »Hilfe!«, schrie er verzweifelt.
Im schlammigen Boden entdeckte er einen gedämpften Lichtschein und grub danach. Erleichtert zog er seine Taschenlampe aus dem Morast, wischte sie an seinem Pullover ab und leuchtete die Umgebung ab. »Das darf nicht wahr sein«, rief er verzweifelt, als er erkannte, dass er sich in einem Höhlenraum befand.
Prüfend leuchtete er nach oben, sah die steile lange Rinne und stellte fest, dass er vom Dachgeschoss bis in den Keller gerutscht sein muss. Mühsam erhob er sich aus dem Morast und begab sich auf die Rinne, die steil nach oben führte. Kaum war er ein paar Schritte gelaufen, rutschte er aus, fiel hin und glitt ins Matschloch zurück. »Hilfe! Ich komm hier nicht mehr raus!«

Ingo und Georg starrten Enzo fassungslos an, nachdem er seine Geschichte erzählt hatte. »Hättest du uns nicht rufen können, damit wir gemeinsam den Geheimgang erkunden?«
»Das wollte ich ja«, rechtfertigte sich Enzo. »Ich wollte nur erst nachsehen, ob es überhaupt ein Geheimgang ist. Dafür wollte ich nur einen kurzen Blick hineinwerfen. Dann wäre ich gleich zu euch gekommen und hätte es euch erzählt.«

»Und ich hatte Enzo gesucht«, fügte Lisa hinzu und erzählte ihre Geschichte, die sich so zugetragen hatte:
Als Lisa ins Zimmer kam und Enzo nicht vorfand, ging sie zur Kommode und steckte die Taschenlampen ein. Dabei sah sie, wie die Schranktür durch einen Luftzug ständig auf und zu ging. »Enzo? Versteckst du dich etwa im Schrank?«
Sie sah nach und entdeckte die Geheimtür. »Bist du da drinnen Enzo?«
»Lisa!«, hörte sie Enzos erfreute Stimme.
Sofort trat sie durch die Geheimtür. Ein heftiger Windstoß kam ihr entgegen. Die Schranktür und die Geheimtür knallten fast gleichzeitig zu. Lisa zuckte vor Schreck zusammen, rutschte aus und glitt in der Rinne nach unten. Dabei hörte sie noch Enzos Stimme. »Pass auf, Lisa. Da ist eine steile rutschige Rinne …«
Bevor Enzo ausgesprochen hatte, landete Lisa schwungvoll im Matsch, direkt vor seinen Füßen. »Pfui, das ist ekelhaft und kalt.«
»Oje, jetzt sitzen wir beide hier unten«, bedauerte Enzo und half Lisa auf die Beine. »Geht es dir gut oder hast du dich verletzt?«
Lisa leuchtete mit der Taschenlampe um sich. »Mir geht es gut. Wo sind wir hier?«
»Wir sind in einer Höhle«, informierte Enzo. »Ich war ein Stück weit reingelaufen, da gibt es viele Abzweigungen. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte und hatte Angst, mich zu verlaufen. Deshalb bin ich lieber hierher zurückgekehrt.«
»Das war eine sehr gute Entscheidung, Enzo«, lobte Lisa, die sich vorstellte, wie unheimlich es gewesen wäre, wenn sie hier runtergekommen und Enzo nicht da gewesen wäre. »Ich laufe die Rinne hoch und hole Hilfe.«
»Du kannst es gerne versuchen«, erwiderte Enzo. »Ich habe es nicht geschafft. Es ist zu glatt und zu steil. Vielleicht hast du ja mehr Glück, weil du sportlicher bist als ich.«
Lisa rannte die Rinne hinauf. Zuerst sah es vielversprechend aus, doch nach wenigen Metern fiel sie und rutschte bäuchlings hinab ins Matschloch. Sie versuchte es einige Male, bis sie schließlich entkräftet aufgab. »Es hat keinen Wert. Hier kommen wir nicht raus, Enzo. Wohl oder übel müssen wir einen anderen Weg suchen.«
»Oje, hoffentlich verirren wir uns nicht. Wir haben nichts dabei, womit wir den Weg markieren können, um im Notfall hierher zurückzufinden«, erinnerte Enzo mit besorgter Miene.
»Es würde ja auch gar nichts nützen, hierher zurückzukommen«, stellte Lisa klar. »Geheimtür und Schranktür sind zugefallen. Niemand würde uns hier finden.«
»Oje, das sind ja schöne Aussichten«, seufzte Enzo.
Gemeinsam liefen sie durch die schmalen Gänge mit den vielen Abzweigungen. Sie bogen mal nach links und mal nach rechts ab.
»Es ist hoffnungslos«, quietschte Lisa voller Sorge. »Wir wissen gar nicht, wo wir überhaupt sind oder wohin wir müssen.«
»Wir werden qualvoll verhungern«, jammerte Enzo schrill.
»Enzo?«, hörten sie Georgs vertraute Stimme. »Das war doch Enzo?! Es kam von da unten.«
»Wo seid ihr?«, hörten sie nun auch Ingo. »Und was ist da unten los?«
»Hier sind wir! Wo seid ihr?« Lisa war heilfroh, ihre Brüder zu hören.
Enzo schritt voran in einen engen Gang. »Das kam von dieser Richtung.«

Ingo und Georg waren wie gebannt von den Geschichten, die Enzo und Lisa ihnen erzählt hatten. Sie brannten darauf, das Kellerlabyrinth jetzt selbst zu erkunden.
»Ja«, berichtete Lisa. »Wir schienen verloren, bis wir eure Rufe hörten, an denen wir uns orientieren konnten. Nur so war es uns möglich, dieses Gitter zu finden.«
»Wahnsinn«, war Georg erfreut. »Ein Höhlenlabyrinth im Keller, das darauf wartet, erkundet zu werden. Von da kam bestimmt auch dieses Erdbeben, weil jemand nach dem Schatz gräbt. Vielleicht finden wir sogar den Schatz?!«
»Das ist doch nur eine Legende. Holt uns jetzt bitte da raus«, drängte Enzo. »Ich habe Hunger, Durst und mir ist kalt.«
Ingo begutachtete die massiven Gitterstäbe. »Ich geh schnell rauf und hole einen Schraubendreher, um das Gitter abzuschrauben. Haltet durch!«
»Aber bitte komme wieder«, jammerte Enzo. »Wir haben hier nichts zu essen, frieren und …«
»Mensch, Enzo!«, rügte Lisa. »Reiß dich gefälligst zusammen. Warum sollte Ingo nicht wiederkommen?«
»Genau. Außerdem bin ich auch noch da«, lachte Georg. »Ich passe so lange auf euch auf. Sobald ihr Schmutzfinke nachher geduscht habt und sauber seid, trinken wir einen schönen heißen Tee und essen leckeren Apfelkuchen dazu. Also beruhigt euch, alles ist gut.«
»Das klingt genau nach meinem Geschmack«, freute sich Enzo.
Ingo eilte hinauf in die Suite und kam kurz darauf mit einem Werkzeugmäppchen zurück. Er kramte einen Schraubendreher heraus und setzte diesen an, um das Gitter zu entfernen.
»Ich bin echt froh, dass ihr uns gefunden habt«, prustete Enzo am Gitter rüttelnd.
»Hör bitte mal auf, ans Gitter zu drücken, Enzo«, bat Ingo. »Damit dauert es nur länger, bis ich die Schrauben gelöst habe.«
Völlig unerwartet klappte das Gitter auf, dass Enzo beinahe aus der Öffnung geplumpst wäre. »Was ist denn das?«, wunderte sich Ingo. »Da sind Scharniere dran, das hatte ich gar nicht gesehen?! Den Schraubendreher zu holen, hätte ich mir sparen können.« Enzo und Lisa krochen aus der Maueröffnung.
»Prima.« Georgs blaue Augen funkelten vor Abenteuerlust. »Gleich nach dem Tee, erkunden wir diese Höhle. Ich bin echt froh, dass ihr sie entdeckt habt.«
»Aber diesmal gehen wir durch den Keller und nicht durch den Kleiderschrank rein«, scherzte Lisa. »Außer, ihr wollt auch mal die Rutschbahn runterrutschen und euch dabei so richtig schmutzig machen.«
»Kein Bedarf.« Ingo winkte lachend ab und klappte das Gitter zu. »Natürlich gehen wir durch den Keller ins Höhlensystem. Wir nehmen Kreide mit, damit wir die Wege schön sorgfältig kennzeichnen können und uns nicht verirren. Wenn diese Höhle tatsächlich ein solcher Irrgarten ist, müssen wir echt vorsichtig sein.«
 
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Auch im Sammelband 11 enthalten